ERC-Token: Gefangen in Netzwerkeffekten

Der ERC-Standard ist eine der schlechtesten Methoden, um ein Blockchain-Token zu bilden: Er ist anfällig für Fehler, und Transaktionen sind extrem teuer. Warum benutzt ihn dennoch so gut jeder, der einen Token herausgibt?

Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man die ERC20-Token von Ethereum eine gigantische Erfolgsgeschichte nennt. Von den 100 führenden Blockchain-Token laufen derzeit 95 auf Ethereum; Etherscan.io zählt stattliche 132.125 ERC-Token, von denen fast 550 eine Marktkapitalisierung von immerhin einer Million Dollar haben.

Das führende Token, der Dollarcoin Tether, begann mit dem Omni-Protokoll auf Bitcoin, geht aber mittlerweile auch auf Ethereum über. Neue Stablecoins, seien es die True USD, der Rockz Franken oder der CryptoGoldCoin, benutzen wie selbstverständlich den ERC20-Standard. Man könnte fast meinen, dass es überhaupt keine Alternative dazu gibt.

Der ERC20-Standard ist mittlerweile so wichtig, dass er eine Wikipedia-Seite hat. Er ist eine clevere Methode, einen Smart Contract zu bilden, der eine Art Liste mit Accounts führt, die ein Guthaben in Token haben. Wenn man ein Token transferiert, sendet man die Transaktion nicht an den Empfänger, sondern an den Smart Contract, der dann die Guthaben in seiner Liste verändert. Auf diese Weise wird jeder Inhalt des Smart Contracts zum Teil des Konsens, den die Miner mit ihren Blöcken validieren.

Warum ERC eine schlechte Wahl für Token ist

Allerdings hat der ERC20-Standard heute auch empfindliche Nachteile. Der größte liegt in den Kapazitätsengpässen von Ethereum. Die Blockchain arbeitet an ihrem Limit, weshalb die Gebühren generell hoch und in Ausnahmefällen extrem hoch sind.

Ein sehr simpler ERC-Transfer kostet etwa 50.000 Gaseinheiten, was bei einem gegenwärtigen Preis von 6 Gwei je Gaseinheit auf etwa 5 Cent je Transaktion hinausläuft. Aber es ist keine Seltenheit, dass die Gaspreise auf 20 oder mehr Gwei erreichen, womit eine normale Transaktion auch mal 20 oder mehr Cent kosten kann. Sollten dann noch spezielle Aktionen hinzukommen – eine ICO-Ausschüttung per Smart Contract, Multisig, Dividenden oder anderes – ist man schnell bei einem Euro oder mehr. Unter diesen Umständen ist es eigentlich vollkommen sinnlos, einen Stablecoin mit der Absicht herauszugeben, dass dieser im Zahlungsverkehr benutzt wird.

Im Alltag weniger bedeutend, aber doch zuweilen schmerzhaft, ist die Sicherheit von ERC-Token. Während die ganz normalen Token-Verträge offenbar sicher genug sind, wird es unsicher, sobald man weitere Features hinzufügt. Multisig ist mit Ethereum so kompliziert, dass selbst die Entwickler von Parity – einer der besten Ethereum-Software überhaupt – einen schmerzhaften Hack hinnehmen mussten, während weitere Operationen, wie die DAO, ein Minenfeld sind, auf dem man die Katastrophe fest einplanen sollte.

Es gibt hervorragende Gründe, nicht ERC zu verwenden, wenn man ein Token bildet – und es gibt hervorragende Alternativen: Ethereum Classic ist wie Ethereum, nur weniger voll und damit günstiger; Bitcoin Cash bietet mit Wormhole und dem Simple Ledger Protocoll zwei Token-Methoden an, die mit günstigen Gebühren gut skalieren; Ripple und EOS haben sowieso eine Token-Funktionalität, aber auch NEM, Waves, NEO und viele mehr. Es gibt zahlreiche Methoden, um Token auf eine Blockchain zu bringen, und kaum eine ist so teuer wie die ERC-Token auf Ethereum.

Warum also verwenden alle weiterhin die teuren ERC-Token? Die Antwort auf diese Frage liegt vermutlich in den Netzwerkeffekten, jenem fiesen Faktor, den vermutlich jeder aus tiefem Herzen hasst, der eine tolle Technologie entwickelt hat, aber sich damit am Marktführer die Nase blutig gestoßen hat.

Die Macht der Netzwerke

Netzwerkeffekte bedeuten, dass sich nicht das bessere Produkt durchsetzt, sondern das Produkt, das gut genug ist und ausreichend Nutzer bekommen hat. Sobald ein Produkt, das funktioniert, eine kritische Masse erreicht hat, ist es irrsinnig schwer, es vom Thron zu stoßen, selbst wenn man mit einem offensichtlich besseren Produkt ankommt. Der Marktführer erhält seinen Rang, oft selbst dann, wenn es Krisen, partielle Funktionsausfälle und offensichtliche Unzulänglichkeiten gibt.

Über das “Warum” lässt sich viel spekulieren. Es dürfte daran liegen, dass manche Produkte besser werden, wenn sie mehr Nutzer haben. Eine Bohrmaschine ist eine Bohrmaschine; sie lässt sich auf die technischen Werte reduzieren. Wenn eine neue Bohrmaschine eine bessere Leistung oder Qualität zu einem kleineren Preis anbietet, als der Marktführer, hat sie gute Chancen, diesem Anteile abzutrotzen.

Wenn wir aber von Dingen wie Kryptowährungen, Protokollen oder Plattformen reden, können wir diese nicht mehr auf die reinen technischen Werte reduzieren. Die Nutzer werden hier zum Teil des Produkts. Wir kennen das zur Genüge von Google, Facebook, Amazon, Ebay und anderen Plattformen: Sobald sie groß genug sind, gibt es keinen Weg an ihnen vorbei.

Schauen wir uns an, welche Netzwerkeffekte die ERC-Token errungen haben:

  • Es gibt viele Token auf diesem Protokoll: Wer in der Lage ist, es zu lesen, bekommt Zugang zu einem ganzen Universum von Token, während die Einarbeitung in andere Protokolle einen viel kleineren Ertrag bringen wird. Eine rationale Priorisierung von Aufgaben führt dazu, dass etwa Börsen zuerst das ERC-Protokoll implementieren, was wiederum dessen Netzwerkeffekte stärkt.
  • Viele benutzen das ERC-Protokoll: Börsen haben es leicht, ERC-Token zu akzeptieren, Wallets können sie mit überschaubarem Aufwand aufnehmen, und Entwickler darauf vertrauen, dass die Standardvariante gut getestet und im Feld erprobt ist. Wer möchte, dass sein Token die Chance hat, ohne Komplikationen auf eine Börse zu kommen, wählt daher ERC.
  • Viele arbeiten mit dem ERC-Protokoll: Es gibt Codes für ERC in unzähligen Programmiersprachen und Libraries, Blockexplorer haben ausgereifte APIs für ERC-Token, Light-Wallets wie Metamask integrieren ERC-Token, die Entwickler von Smart Contracts sind es gewohnt, darin ERC-Token zu benutzen. All dies macht es für ale Beteiligten sehr viel einfacher und unkomplizierter, ERC anstatt eines andere Token-Protokolls zu verwenden, vor allem dann, wenn man Anwendungen plant, die über den Standard hinausgehen.

Ein praktisches Beispiel: Ich habe neulich darüber nachgedacht, eine Webseite zu bauen, in der man sich einloggen kann, wenn man nachweist, Besitzer eines Tokens zu sein. Trotz der Problematik mit den hohen Gebühren gäbe es dafür keine andere Wahl als ERC. Denn kein anderes Protokoll für Token ist so reif, dass man auch nur daran denken könnte, es mit einem Login-System zu verbinden und das Leuten mit einer Zwei-Klick-Erklärung zu vermitteln. Nicht im Ansatz. Keine Chance.

Netzwerkeffekte machen es rational, das technisch schlechtere Produkt zu benutzen, weil es einen sozialen Mehrwert hat. Sobald einmal ein Protokoll genügend Netzwerkeffekte gesammelt hat, ist es daher extrem schwer, Alternativen dazu zu etablieren, selbst dann, wenn sie eine überlegene Technologie anbieten. Mit dem ERC-Standard hat sich die Token-Branche nun auf einen Standard eingeschossen, der so schlecht skaliert, dass er es derzeit für Token unmöglich macht, als gutes Zahlungsmittel zu fungieren. Man darf gespannt sein, ob und wie sich die Token-Herausgeber aus dieser Zwickmühle befreien werden. Derzeit scheinen sie noch tief im ERC-Gefängnis zu sitzen.